Wiener Tramwaytag 2009
in der Hauptwerkstätte Simmering

Samstag, 12. September 2009: In der Straßenbahnhaltestelle Simmering U3 hatte sich schon eine kleine Menschenansammlung gebildet, jedoch nur die wenigsten Leute steigen in die Züge der Linien 6 und 71 ein. Da hört man aus einiger Entfernung schon das charakteristische Brummen eines M-Triebwagens, welcher kurz darauf in der Station hält. Dichtes Gedränge bei den Türen, alle wollen mitfahren, dann das Abfertigungssignal "kling" des Beiwagens, ein markdurchdringender Ruf "Vorwäääarts" des Zugführers und mit „Bim, bim" setzt sich ein vollbesetzter Zug in Bewegung.
Es ist wieder Tramwaytag!

Er fand heuer bereits zum 25. mal statt und ist im Laufe der Zeit zu einem fixen Programmpunkt im Veranstaltungskalender der Stadt Wien geworden auf den sich nicht nur die eingefleischten Tramwayfreunde freuen. Veranstaltungsort war heuer die Hauptwerkstätte in Simmering.
Die Endstelle der Zubringerzüge lag direkt vor dem Haupttor. Da war auch schon die erste Attraktion zu bewundern - das Umkuppeln der Züge mittels Stoßtriebwagen, wie es früher in vielen schleifenlosen Endstellen praktiziert wurde. Nach jeder Ankunft eines Zuges strömten die Massen in das weitläufige Gelände der Hauptwerkstätte.

An den angekommenen Zug fuhr ein auf dem Nebengleis wartender Stoßtriebwagen heran und wurde mit dessen Beiwagen gekuppelt. Der Triebwagen des ankommenden Zuges wurde abgehängt, die Türen geschlossen und auf der gegenüberliegenden Seite geöffnet, sowie die Tafeln entsprechend der neuen Fahrtrichtung angebracht. Nach der Abfahrt des Zuges wich der nun zum Stoßtriebwagen gewordene Triebwagen aus, um die Endstelle für den nächsten ankommenden Zug frei zu machen. Hatte der Stoßtriebwagen einen Lyrabügel wurde dieser unter einem eigens dafür höher gespannten Bereich der Fahrleitung umgelegt. Dieses Kuppelritual wiederholte sich bei jedem Zug und wurde von der eigens dafür abstellten Kupplermannschaft souverän durchgeführt.

In der Hauptwerkstätte warteten auf die Besucher viele weitere Attraktionen.
Auf dem weitläufigen Vorfeld war der Triebwagen G2 2003 mit dem von der VEF-Arbeitsgruppe Straßenbahn im Vorjahr restaurierten Beiwagen u3 1948 als Linie 11, sowie die Garnitur L 502 + l 1702 + l 1776 als Linie H2 aus dem Wiener Straßenbahnmuseum als Blickfang aufgestellt. Der Triebwagen TH 6503 hatte den Kinderspielwagen c3 1146 aus Erdberg gebracht. Weiters waren die Akkulok UBL 6922, der Triebwagen CH 6160, der WLB Triebwagen 409 sowie als Exote auch ein für Palermo gebauter Straßenbahntriebwagen zu sehen.

Auf dem Rundkurs um die Hauptwerkstätte drehten aus dem Wiener Straßenbahnmuseum die Garnitur N 2714 + n1 5814 + n1 5786 als Linie 60 und der Triebwagen D 244 sowie der Triebwagen 231 von den Wiener Lokalbahnen ihre Runden für Präsentationsfahrten. Einige Besucher konnten sich selbst am Steuer einer Tramway, eines Autobusses oder eines U-Bahnzuges versuchen. Die begehrten Plätze beim Publikumsfahren waren aber bald vergeben.

In der Halle konnten die technisch interessierten Besucher viele Werkstättenbereiche, wo sich Straßenbahnwagen, U-Bahnwagen und Autobusse in Reparatur oder Aufarbeitung befinden, besichtigt werden.

Zahlreiche Informationsstände boten Informationen rund um das Thema öffentlicher Verkehr. Auch der VEF war heuer mit einem Stand an dieser Großveranstaltung vertreten. Kollege Hlavac bot unterstützt von weiteren Mitarbeitern der Arbeitsgruppe Straßenbahn einschlägige Eisenbahn- und Straßenbahnfachbücher sowie Souvenirartikel zum Verkauf an. Selbstverständlich wurden auch die Rent a Bim- Fahrten mit historischen Straßenbahnwagen kräftig beworben. Das Interesse des Publikums war derart rege, dass der Stand zeitweise richtiggehend belagert wurde.

Es war dies die letzte Möglichkeit das eindrucksvolle Areal mit einer Fläche von rund 264.000 Quadratmetern zu besichtigen. In der vor 35 Jahren vom damaligen Wiener Bürgermeister Dr. Leopold Gratz eröffneten Hauptwerkstätte der Wiener Linien sorgen nicht weniger als 760 Mitarbeiter dafür, dass die 130 U-Bahnzüge, 526 Straßenbahngarnituren und 478 Autobusse optimal gewartet werden. Die Wiener Linien werden in den bis voraussichtlich 2013 dauernden Umbauzeitraum 163 Millionen Euro investieren um die Hauptwerkstätte auf den neuesten technischen Stand zu bringen.

Für den An- und Abtransport der Besucher sorgten wieder die Vereine VEF und WTM mit historischen Straßenbahngarnituren. Von der Schleife St. Marx verkehrten die Zubringerzüge im 12 Minuten-Intervall bis direkt vor die Tore der Hauptwerkstätte. Seitens des VEF wurden die Triebwagen M 4149, M1 4152, T1 408 sowie die Beiwagen m3 5400 und m3 5235 eingesetzt. Als Verstärkungswagen kamen zu Veranstaltungsschluss noch die Beiwagen m3 5376 und m3 5419 in Verkehr. Das routinierte Zugspersonal konnte den Fahrbetrieb sicher und unfallfrei abwickeln und auch die Kuppelmannschaft hatte die Situation an der Endstelle fest im Griff. Für alle Fahrgäste war das Straßenbahnfahren wie anno dazumal ein wahrer Genuss. Die Fahr- und Dienstplanerstellung sowie die Anfertigung der benötigten Besteckung im alten Stil lag wieder in den bewährten Händen der VEF-Arbeitsgruppe Straßenbahn. Unterstützung erhielt der Zubringerverkehr heuer durch Autobusse des Österreichischen Omnibusmuseums und der Wiener Linien, die zwischen Hauptwerkstätte und der U3 Endstelle Simmering auch einen Teil der Fahrgäste beförderten. Ohne diese Entlastung wäre der äußerst rege Besucheransturm am Tramwaytag 2009 nicht zu bewältigen gewesen.

- Martin Mannsbart -

    Der vollbesetzte Zubringerzug M1 4152 + m3 5400 kurz vor der Endstelle Hauptwerkstätte.
Foto: Wolfgang Buckner
Am frühen Morgen des 12. Septembers 2009 ist der Zug G2 2003 + u3 1948 entlang der Mauer des Zetralfriedhofes unterwegs zum Veranstaltungsort.
Foto: Sabine Grahsner
Dichter Verkehr auf dem HW-Rundkurs. Triebwagen D 244, gefolgt von einem Schulzug E1 4524 und dem Stadtbahndreiwagenzug in der Anfangstelle der Präsentationsfahrten.
Foto: Hilde Richard
Aus dem E6 4920 entsteht in der Hauptwerkstätte ein neuer Verschubtriebwagen, der die Nummer 6820 erhält und den bisher für diesen Zweck verwendeten Triebwagen BH2 6371 in Zukunft ersetzen wird.
Foto: Wolfgang Buckner
Vor dem Gleismessmagen EM 6117 und der VRT 4867 ist eine Stellhebelweiche aufgebaut, deren Funktionsweise dem Besucher veranschaulicht wird. Allerdings gibt es im Wiener Straßenbahnnetz nur noch eine einzige Stellhebelweiche, nämlich im Wiener Straßenbahnmuseum.
Foto: Wolfgang Buckner
Josef Hlavac mit seinen Kollegen in Aktion am VEF- Stand.
Kurz nach der Eröffnung war der Trubel noch überschaubar.
Foto: Sabine Grahsner
T1 408 + m3 5235 begibt sich auf die Tour nach St. Marx, Im Hintergrund der Stoßtriebwagen M 4013.
Foto: Hilde Richard
Schaffner Martin Mannsbart bei der Fahrscheinrevision im Triebwagen T1 408
Foto: Sabine Grahsner
: WLB-Triebwagen 231 nimmt die Fahrgäste für die nächste HW-Runde auf
Foto: Sabine Grahsner
M 4149 weicht als Stoßtriebwagen aus, wobei der Lyrabügel für die neue Fahrtrichtung umgelegt wird.
Foto: Wolfgang Buckner
Fahrer Kurt Ditzer beobachtet den Kuppler Wolfram Heil.
Foto: Wolfgang Buckner
Zug M 4149 + m3 5235 verlässt die Kuppelendstelle Hauptwerkstätte, Triebwagen M 4101 folgt als Stoßtriebwagen über den Gleiswechsel.
Foto: Wolfgang Buckner
Stadtbahnzug N 2714 + n1 5814 + n1 5786 dreht auf dem Rundkurs um die Hauptwerkstätte als Linie 60 die Runden für Präsentationsfahrten.
Foto: Wolfgang Buckner
Der Gräf & Stift OGW 120 des Österreichischen Omnibusmuseums aus dem Jahr 1949 nähert sich der Hauptwerkstätte
Foto: Wolfgang Buckner

Making of Tramwaytag
Ein Hintergrundreport der Arbeitsgruppe Straßenbahn

Bereits zwei Monate vorher wurde in Absprache mit den Wiener Linien die Strecke für den Zubringerverkehr festgelegt. Auf Grund der Erfahrungen der Vorjahre wurde ein Intervall von 12 Minuten fixiert. Daraus resultiert Fahrplan und Wagenbedarf.

Innerhalb der Arbeitsgruppe wählte man die Fahrzeuge, welche zum Einsatz kommen sollen aus. Diesmal kamen seitens des VEF die Wagen M 4149, T1, 408, M, 4152, m3 5235, m3 5400, m3 5376 und m3 5419 zum Einsatz.

Dann ging es an die Fahrplanerstellung. Als besondere Herausforderung galt es die Kuppellogistik vor der Hauptwerkstätte effizient zu lösen, damit immer ein Stoßtriebwagen vor Ort ist, zum Kuppeln selbst genügend Zeit verbleibt, aber auch kein Zugstau vor der Endstelle entsteht. Mehrmals wurde das Kuppeln innerhalb der Arbeitsgruppe theoretisch durch besprochen. Listen über Listen ratterten aus dem Drucker des Rent-a-Bim-Büros. Auch unserem Nachbarverein WTM stellten wir unser Arbeitsergebnis zur Verfügung.

Nun stand die Erstellung des Dienstplanes für das Fahrpersonal auf dem Programm. Nach der definitiven Diensteinteilung wurde jedem einzelnen Mitarbeiter sein persönlicher Einsatzplan aus dem Gruppenbuch gesondert ausgedruckt. Die Fahrten der Zubringerzüge wurden wie jede andere Sonderfahrt bei den Wiener Linien angemeldet.

Die für den Tramwaytag benötigte Besteckung fertigten wir fachmännisch und originalgetreu in der eigenen Werkstätte an. Die Brustwandtafeln wurden zunächst weiß lackiert, ehe die Schrift mit einer eigens neu angefertigten Schablone aufgetragen werden konnte. Auch die Routentafeln für das Wageninnere stellten wir speziell für den Tramwaytag zusammen. Somit erstrahlten alle benötigten Fahrziele im neuen Glanz.

Bei einer derartigen Großveranstaltung wird die Sicherheit besonders groß geschrieben. Jeder eingesetzte Wagen wird peinlichst genau auf Herz und Nieren überprüft: Beide Fahrschalter der Triebwagen revidieren, Türen der Trieb- und Beiwagen auf Gängigkeit und Verschließbarkeit überprüfen, weiters die Signaleinrichtungen, Schienenbremsen, Wagenbeleuchtung, Motore, Lager, usw. überprüfen. Ein gewaltiger ArbeitseinsatzfürdieTechniker der Arbeitsgruppe Straßenbahn.

Am 2.9.2009 erfolgte eine Bügelprobefahrt mit dem Triebwagen M 4149 in die Hauptwerkstätte, um den eigens für das Umlegen der Lyrabügel höher gespannten Bereich der Fahrleitung zu testen.

Auch am Vortag des Tramwaytages wartete noch viel Arbeit auf die VEF-Mitarbeiter: Prospekte und die beliebten Fahrscheine mussten organisiert werden, Verpflegung für die Mannschaft, alle Utensilien sowie das große einschlägige Warenangebot für den Aufbau des Standes mussten vorbereitet und in die Hauptwerkstätte transportiert werden. Auch in der Remise herrschte reges Treiben: Die Wagen wurden nochmals gereinigt und für den Tramwaytag fit gemacht, geschmückt und besteckt.

Obwohl alle Vorarbeiten termingerecht erfüllt wurden, blieb den Mitarbeitern am Tramwaytag ein frühes Aufstehen und spätes Schlafengehen nicht erspart. Denn die Standbetreuer mussten vor der Eröffnung den Stand bereits mit der Ware bestücken und gestalten bzw. abends wieder abbauen und abtransportieren, der Verpflegungstrupp einen Aufenthaltsraum zur Küche bzw. wieder zurück zu einem Aufenthaltsraum umfunktionieren und das Fahrpersonal in der Remise die Züge übernehmen bzw. abends wieder wohlbehalten heimbringen und reinigen.

So war der 25. Tramwaytag in der Hauptwerkstätte ein voller Erfolg, zu dem auch der VEF einen wertvollen Beitrag leistete.

Im Vorfeld wurden für die oben erläuterten Hintergrundarbeiten und technischen Vorbereitungen 96 Arbeitsstunden ehrenamtlich geleistet. Am Tramwaytag selbst wurden 333 Triebwagen- und 314 Beiwagenkilometer von VEF-Betriebswagen zurückgelegt und 135 Einsatzstunden des Fahrpersonals erbracht. Mit Freude und großem Engagement trugen alle VEF-Mitarbeiter zum „Guten Gelingen" des diesjährigen Tramwaytages bei.

Martin Mannsbart

     Die neu angefertigten Brustwand- und Routentafeln werden zur Verteilung auf die Wagen vorbereitet
Mit dem VEF- Pritschenwagen ging es ab in die Hauptwerkstätte. Trotz schwerer Lasten lächeln Alfred Filinger, Josef Hlavač und Martin Mannsbart in die Kamera.
Am Dachsignal des Triebwagens M 4149 bringt Kollege Martin Mannsbart die Festtagsfähnchen an.
Der technische Leiter der Arbeitsgruppe Straßenbahn, Josef Hofer, beim letzten Sicherheitscheck und beim Überprüfen der elektrischen Kupplungam Vorabend des Tramwaytages.
Alle Fotos von Sabine Grahsner

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